Komm mit, sagt der Mönch
von Angela Köckritz
Reise in ein verschlossenes Land: Die Generäle in Birma haben für den Moment gesiegt. Aber das Unglück des Volkes wird den Herrschenden keine Ruhe lassen
Rangun - Der Wahrsager betreibt sein Geschäft nebenher, im Hauptberuf ist er Regierungsbeamter. Sagt er. Jetzt lächelt er verlegen. Die Zukunft generell könne er ja voraussagen, aber diese Frage … Er kratzt sich am Kopf. Wie die Zukunft seines Landes aussieht? »Kann ich nicht sagen. Viel zu gefährlich.« Drei Dollar kostet »einfache Astrologie«, »das ganze Leben im Allgemeinen« neun Dollar. Auf der Sule Pagoda Street drängen sich die Handleser und Sterndeuter, doch keiner mag sagen, wie es in Birma weitergeht.
Zwei Wochen ist es her, dass das Regime die Demonstrationen in Birma gewaltsam niederschlug. Die Mönche, die zuerst auf der Straße gewesen waren, hatten die Rücknahme der drastischen Preiserhöhungen für Gas und Benzin gefordert. Bald kamen andere hinzu, die den Sturz der »Soldatenkönige«, der regierenden Militärjunta, wollten. Was als geistig-soziale Bewegung begonnen hatte, wandelte sich und weitete sich aus zum politischen Protest. Viele Mönche waren darüber nicht glücklich: Wären sie allein auf der Straße gewesen, wäre das Regime nicht eingeschritten, glauben sie.
Wie wirkt das Land, wie wirkt seine Hauptstadt, nachdem der Protest zum Schweigen gebracht wurde – wie sieht es aus, wie fühlt es sich an? Wird der Widerstand wieder aufleben, oder ist alles vorbei, die Friedhofsruhe gesichert, die sich die Generäle für ihre Diktatur wünschen? Birma ist nicht Nordkorea, kein totalitärer Orwell-Staat, in dem die Herrschenden ihre Untertanen bis in die letzte Hirnwindung kontrollieren. Man kann DVDs mit Hollywood-Filmen kaufen, al-Dschasira empfangen; wer clever ist (und nicht zu den Armen gehört), findet für sein Leben eine Nische. Ausländische Journalisten dürfen nicht frei arbeiten, kritische internationale Nichtregierungsorganisationen sind unwillkommen, aber das Land ist nicht hermetisch abgedichtet. Am Flughafen wartet man endlos lange auf den Koffer, im Augenblick wird alles genauestens untersucht, auch beim Zoll. Von dem »Touristenführer«, der sich so aufmerksam nach dem Beruf und den Interessen des Besuchers erkundigt, hält man sich besser fern.
Alltag in Rangun? Am Hafen spielen die jungen Männer chine lone, treten einen kleinen aus Schilf geflochtenen Ball in die Luft. Den longyi, den traditionellen Wickelrock, haben sie bis zu den Schenkeln hochgekrempelt, Tätowierungen winden sich um ihre Brust. Liebespaare liebkosen sich in den Parks. Auf den Märkten prüfen die Frauen Stoffe, wickeln sich in prächtige Blumenmuster und posieren darin vor ihren Freundinnen. Schön? Wunderschön. Alles wie immer? Lange nicht.Still ist der Morgen in der Shwedagon-Pagode, noch trauen sich nur wenige Gläubige hierher. Aus dem Nichts ist der junge Mönch aufgetaucht. Komm mit, ich muss dir was erzählen. Der Mönch ist 21 Jahre alt, auf seiner Oberlippe wächst weicher Flaum. Er ist untergetaucht, aus Angst vor den Soldaten, die nachts in sein Kloster kamen. Am nächsten Tag wird er seine Robe ablegen und nach Hause fahren. Die meisten Äbte haben ihre Mönche zurück in die Heimatdörfer geschickt. Auf Wunsch der Regierung. »Ich hasse sie«, sagt der Mönch, ganz unbuddhistisch.
weiterführender link:
www.zeit.de/2007/42/Birma
quelle: die zeit. de
text von Angela Köckritz
Reise in ein verschlossenes Land: Die Generäle in Birma haben für den Moment gesiegt. Aber das Unglück des Volkes wird den Herrschenden keine Ruhe lassen
Rangun - Der Wahrsager betreibt sein Geschäft nebenher, im Hauptberuf ist er Regierungsbeamter. Sagt er. Jetzt lächelt er verlegen. Die Zukunft generell könne er ja voraussagen, aber diese Frage … Er kratzt sich am Kopf. Wie die Zukunft seines Landes aussieht? »Kann ich nicht sagen. Viel zu gefährlich.« Drei Dollar kostet »einfache Astrologie«, »das ganze Leben im Allgemeinen« neun Dollar. Auf der Sule Pagoda Street drängen sich die Handleser und Sterndeuter, doch keiner mag sagen, wie es in Birma weitergeht.
Zwei Wochen ist es her, dass das Regime die Demonstrationen in Birma gewaltsam niederschlug. Die Mönche, die zuerst auf der Straße gewesen waren, hatten die Rücknahme der drastischen Preiserhöhungen für Gas und Benzin gefordert. Bald kamen andere hinzu, die den Sturz der »Soldatenkönige«, der regierenden Militärjunta, wollten. Was als geistig-soziale Bewegung begonnen hatte, wandelte sich und weitete sich aus zum politischen Protest. Viele Mönche waren darüber nicht glücklich: Wären sie allein auf der Straße gewesen, wäre das Regime nicht eingeschritten, glauben sie.
Wie wirkt das Land, wie wirkt seine Hauptstadt, nachdem der Protest zum Schweigen gebracht wurde – wie sieht es aus, wie fühlt es sich an? Wird der Widerstand wieder aufleben, oder ist alles vorbei, die Friedhofsruhe gesichert, die sich die Generäle für ihre Diktatur wünschen? Birma ist nicht Nordkorea, kein totalitärer Orwell-Staat, in dem die Herrschenden ihre Untertanen bis in die letzte Hirnwindung kontrollieren. Man kann DVDs mit Hollywood-Filmen kaufen, al-Dschasira empfangen; wer clever ist (und nicht zu den Armen gehört), findet für sein Leben eine Nische. Ausländische Journalisten dürfen nicht frei arbeiten, kritische internationale Nichtregierungsorganisationen sind unwillkommen, aber das Land ist nicht hermetisch abgedichtet. Am Flughafen wartet man endlos lange auf den Koffer, im Augenblick wird alles genauestens untersucht, auch beim Zoll. Von dem »Touristenführer«, der sich so aufmerksam nach dem Beruf und den Interessen des Besuchers erkundigt, hält man sich besser fern.
Alltag in Rangun? Am Hafen spielen die jungen Männer chine lone, treten einen kleinen aus Schilf geflochtenen Ball in die Luft. Den longyi, den traditionellen Wickelrock, haben sie bis zu den Schenkeln hochgekrempelt, Tätowierungen winden sich um ihre Brust. Liebespaare liebkosen sich in den Parks. Auf den Märkten prüfen die Frauen Stoffe, wickeln sich in prächtige Blumenmuster und posieren darin vor ihren Freundinnen. Schön? Wunderschön. Alles wie immer? Lange nicht.Still ist der Morgen in der Shwedagon-Pagode, noch trauen sich nur wenige Gläubige hierher. Aus dem Nichts ist der junge Mönch aufgetaucht. Komm mit, ich muss dir was erzählen. Der Mönch ist 21 Jahre alt, auf seiner Oberlippe wächst weicher Flaum. Er ist untergetaucht, aus Angst vor den Soldaten, die nachts in sein Kloster kamen. Am nächsten Tag wird er seine Robe ablegen und nach Hause fahren. Die meisten Äbte haben ihre Mönche zurück in die Heimatdörfer geschickt. Auf Wunsch der Regierung. »Ich hasse sie«, sagt der Mönch, ganz unbuddhistisch.
weiterführender link:
www.zeit.de/2007/42/Birma
quelle: die zeit. de
text von Angela Köckritz
prudence - 15. Okt, 20:39
